
Veröffentlicht am 6.11.2026
Frauen im Bauingenieurwesen: Zwischen Klischees und meinem eigenen Weg an der TU Wien
Zwischen mathematischer Begeisterung, gesellschaftlichen Vorurteilen und dem Traum, eines Tages Autorin zu werden: Ein persönlicher Einblick in mein Studium des Bauingenieurwesens an der TU Wien.
Schon als Kind wollte ich Autorin werden. Ich wollte schreiben, Gedanken festhalten und vielleicht eines Tages mit meinen Worten die Sichtweise eines Menschen auf die Welt verändern. Das Schreiben begleitete mich bereits in meiner Kindheit. Ich führte Tagebuch, hielt meine Gedanken fest und stellte mir vor, wie es wäre, eines Tages ein eigenes Buch zu veröffentlichen.
Doch je älter ich wurde, desto mehr beschäftigte mich eine andere Frage: Kann ich mit meiner Leidenschaft für das Schreiben tatsächlich meinen Lebensunterhalt verdienen? So schön der Gedanke auch war, hauptberuflich Autorin zu werden, erschien mir dieser Weg unsicher. Ich wollte einen Beruf, der mir finanzielle Sicherheit bietet und gleichzeitig meinen Interessen entspricht.
Dabei musste ich nicht lange überlegen, welches Fach mich besonders begeisterte. Mathematik war schon immer mein Lieblingsfach. Während sich manche Schülerinnen und Schüler auf das Ende einer Mathematikstunde freuten, gehörte der Unterricht für mich zu den schönsten Stunden des Tages. Selbst die Hausübungen erledigte ich gerne. Ich mochte es, Probleme zu lösen, Zusammenhänge zu erkennen und Schritt für Schritt zu einer Lösung zu gelangen.
Deshalb erschien mir ein technisches Studium als die richtige Wahl. Ich wollte meine Begeisterung für Mathematik mit einem Beruf verbinden, der mir langfristige Perspektiven bietet. Unter den verschiedenen technischen Fachrichtungen interessierte mich das Bauingenieurwesen besonders. Die Vorstellung, an der Planung und Entstehung von Bauwerken mitzuwirken, fand ich faszinierend.
Doch mit dieser Entscheidung kamen auch Zweifel.
Ist Bauingenieurwesen ein Männerstudium?
Wenn man an Bauingenieurwesen denkt, haben viele vermutlich ein ähnliches Bild vor Augen: Baustellen, schwere Maschinen, Bauhelme und eine überwiegend männliche Arbeitsumgebung. Auch ich hatte dieses Bild im Kopf.
Ich fragte mich, ob ich mich als Frau in einem solchen Umfeld wohlfühlen würde. Würde ich dazugehören? Würde ich mich in einem Studiengang, der häufig als männerdominiert wahrgenommen wird, zurechtfinden?
Auch meine Eltern waren anfangs nicht besonders begeistert von meiner Entscheidung. Vielleicht teilten sie ähnliche Bedenken oder konnten sich schlichtweg nicht vorstellen, dass ich mich in diesem Bereich wohlfühlen würde.
Trotzdem entschied ich mich, meinen eigenen Weg zu gehen, und meldete mich für das Studium an der TU Wien an.
Rückblickend war das eine der schönsten Entscheidungen, die ich getroffen habe.
Denn obwohl das Bauingenieurwesen nach wie vor als ein eher männlich geprägter Bereich wahrgenommen wird, sieht die Realität im Studium für mich anders aus, als ich es ursprünglich erwartet hatte.
Frauen im Bauingenieurwesen: Ein Wandel, der sichtbar wird
In meinen Lehrveranstaltungen sind zwar mehr Männer als Frauen vertreten, dennoch sind Frauen keineswegs eine Seltenheit. Das Geschlechterverhältnis würde ich persönlich auf ungefähr 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen schätzen. Diese Einschätzung bezieht sich auf meine eigenen Beobachtungen und ist keine offizielle Statistik.
Für mich ist das ein erfreuliches Bild. Es zeigt, dass Frauen zunehmend ihren Platz in technischen Studienrichtungen finden und sich nicht von traditionellen Vorstellungen über bestimmte Berufe abschrecken lassen.
Natürlich ist Bauingenieurwesen noch kein Studiengang, in dem Männer und Frauen gleichermaßen vertreten sind. Dennoch empfinde ich die Präsenz von Frauen als einen wichtigen Fortschritt.
Denn die Frage sollte eigentlich nicht sein, ob Frauen für technische Berufe geeignet sind. Vielmehr sollte es selbstverständlich sein, dass sich jeder Mensch unabhängig vom Geschlecht für das Fach entscheiden kann, das den eigenen Interessen und Fähigkeiten entspricht.
Mathematisches Verständnis, technisches Interesse und die Fähigkeit, komplexe Probleme zu lösen, sind schließlich keine Eigenschaften, die ausschließlich Männern vorbehalten sind.
Auch die TU Wien setzt sich dafür ein, Frauen in technischen Fachrichtungen sichtbarer zu machen und ihre beruflichen Perspektiven zu stärken.
Ein Beispiel dafür ist das Netzwerk fem*cee. Es bietet eine Plattform für den Austausch zwischen Studentinnen, wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Absolventinnen aus der Praxis. Ziel ist es, Frauen im Bau- und Umweltingenieurwesen miteinander zu vernetzen, ihre Sichtbarkeit zu erhöhen und den Einstieg in die Berufswelt zu erleichtern.
Solche Initiativen halte ich für besonders wichtig. Denn manchmal braucht es nicht viel, um Zweifel zu überwinden: Schon die Begegnung mit einer Frau, die in einem technischen Beruf erfolgreich ist, kann einem zeigen, dass dieser Weg auch für einen selbst möglich ist.
Wie ist es wirklich, an der TU Wien zu studieren?
Neben der Frage, ob man sich als Frau im Bauingenieurwesen wohlfühlen kann, spielt natürlich auch der Studienalltag eine wichtige Rolle.
Das Bauingenieurwesen ist ein anspruchsvolles Studium. Mathematik, technische Grundlagen und komplexe Zusammenhänge gehören zum Alltag. Man muss bereit sein, sich intensiv mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen und auch schwierige Aufgaben geduldig zu bearbeiten.
Gleichzeitig bietet die TU Wien eine Flexibilität, die ich persönlich sehr schätze.
Bei reinen Vorlesungen besteht in der Regel keine Anwesenheitspflicht. Das bedeutet, dass man nicht zwingend jede Vorlesung vor Ort besuchen muss. Bei bestimmten Übungen und anderen Lehrveranstaltungen kann die Anwesenheit hingegen verpflichtend sein.
Auch die digitalen Lernmöglichkeiten erleichtern den Studienalltag. Viele Professorinnen und Professoren stellen Skripten, Folien und teilweise auch Videoaufzeichnungen online zur Verfügung. Dadurch kann man sich den Lernstoff häufig selbstständig und zeitlich flexibel erarbeiten.
Ein weiterer Vorteil sind die verschiedenen Prüfungstermine. Für viele Vorlesungsprüfungen gibt es mehrere Möglichkeiten innerhalb eines Semesters. Das ermöglicht es Studierenden, ihre Prüfungen entsprechend ihrer persönlichen Lernplanung und ihrem individuellen Fortschritt abzulegen.
Diese Flexibilität bedeutet allerdings nicht, dass das Studium weniger anspruchsvoll ist. Vielmehr erfordert sie ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Man muss selbst entscheiden, wann man lernt, wie man seine Zeit einteilt und wann man sich einer Prüfung stellt.
Für mich persönlich ist gerade diese Selbstständigkeit ein großer Vorteil.
Zwischen Bauingenieurwesen und meinem Traum vom Schreiben
Vielleicht ist das einer der schönsten Aspekte meines Studiums: Ich muss mich nicht zwischen meinen unterschiedlichen Interessen entscheiden.
Ich kann Bauingenieurwesen studieren, mich mit Mathematik und technischen Fragestellungen beschäftigen und gleichzeitig meinen Traum vom Schreiben weiterverfolgen.
Die Flexibilität des Studiums ermöglicht es mir, meine Zeit so einzuteilen, dass neben dem Lernen auch Raum für andere Dinge bleibt. Dazu gehört für mich vor allem das Schreiben.
Ich möchte weiterhin meine Gedanken festhalten, Texte verfassen und mich vielleicht eines Tages als Autorin verwirklichen. Das Studium bedeutet für mich deshalb nicht, dass ich meinen ursprünglichen Traum aufgegeben habe. Vielmehr habe ich einen Weg gefunden, ihn mit einer anderen beruflichen Perspektive zu verbinden.
Ich glaube, dass viele junge Menschen bei der Studienwahl vor einer ähnlichen Entscheidung stehen. Sie haben Interessen, Leidenschaften und persönliche Träume, fragen sich aber gleichzeitig, welcher Beruf ihnen finanzielle Sicherheit und langfristige Perspektiven bieten kann.
Dabei muss es nicht immer eine Entscheidung für das eine und gegen das andere sein.
Ein technisches Studium kann eine berufliche Grundlage schaffen, während persönliche Interessen weiterhin ihren Platz im Leben behalten.
Mein Fazit: Warum ich Frauen ermutigen möchte, sich für technische Studiengänge zu entscheiden
Wenn ich heute auf meine Studienwahl zurückblicke, bin ich froh, dass ich mich trotz meiner anfänglichen Zweifel für das Bauingenieurwesen entschieden habe.
Natürlich ist das Studium anspruchsvoll. Es verlangt Disziplin, Eigeninitiative und die Bereitschaft, sich auch mit schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Doch gerade diese Herausforderungen machen es für mich interessant.
Besonders wichtig ist mir, dass sich andere Frauen von dem Bild eines vermeintlichen Männerstudiums nicht von vornherein abschrecken lassen.
Wer sich für Mathematik, Technik und Bauwerke interessiert, sollte sich nicht fragen müssen, ob ein solcher Studiengang zum eigenen Geschlecht passt. Viel entscheidender ist, ob man Freude an den Inhalten hat und bereit ist, sich mit den Herausforderungen des Studiums auseinanderzusetzen.
Die TU Wien bietet mit ihren technischen Studienrichtungen, ihren digitalen Lernmöglichkeiten und ihren Initiativen zur Förderung von Frauen ein Umfeld, in dem man sich fachlich und persönlich weiterentwickeln kann.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meiner bisherigen Studienerfahrung mitnehme: Man muss nicht auf einen Traum verzichten, nur weil man sich für einen anderen Weg entscheidet.
Ich wollte immer Autorin werden. Heute studiere ich Bauingenieurwesen. Und ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich zwischen diesen beiden Dingen entscheiden muss.
Denn am Ende möchte ich nicht nur einen Beruf ausüben, sondern ein Leben führen, in dem auch meine persönlichen Interessen und Träume ihren Platz haben.
