Mein Weg ins Architekturstudium – ein später Start mit vielen Hürden
Martin Pomberger
Martin Pomberger

Veröffentlicht am 25.3.2026

Mein Weg ins Architekturstudium – ein später Start mit vielen Hürden

Ich heiße Martin, Jahrgang 1983, und bin der Erste in meiner Familie, der studiert hat. Bis ich 2016 mit 33 Jahren Architektur begonnen habe, war mein Weg alles andere als „typisch“: Lehre als Koch, Lehre als Bürokaufmann, Ausbildung in Stahl und Maschinenbau, eine DvNLP Ausbildung am WIFI und viele Jahre Arbeit in sehr unterschiedlichen Jobs.

Heute arbeite ich als Architekt mit Schwerpunkt auf Membran und Ultraleichtbau, im Alltag aber vor allem im nachhaltigen Holzbau für Wohnbauten und Firmenhallen – und schreibe meine Masterarbeit über „KubikmeterWohnen“, also die Frage, wie wir Wohnraum und CO₂ Abdruck wirklich reduzieren können.

Wenn du diesen Text liest, stehst du vielleicht vor der Entscheidung, Architektur zu studieren. Ich möchte dir keine Hochglanzversion zeigen, sondern ehrlich erzählen, was dich erwartet, wenn du ohne akademischen Hintergrund, mit wenig Geld und vielleicht auch etwas später ins Studium einsteigst.

Herkunft, Ausbildung und Studienzugang: es geht auch ohne Matura

Nach der Schule bin ich zuerst in die Küche gegangen. Die Kochlehre hat mir beigebracht, unter Druck zu funktionieren, im Team zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Danach folgte die Lehre als Bürokaufmann. Dort habe ich Organisation, Buchhaltung, Kommunikation und Bürostrukturen gelernt – Dinge, die man im Architekturstudium nicht unbedingt beigebracht bekommt, aber später im Büro jeden Tag braucht.

Weil mich Technik und Tragwerk immer mehr interessiert haben, habe ich im zweiten Bildungsweg eine Ausbildung in Stahl‑ und Maschinenbau abgeschlossen. Tragwerke, Werkstoffe und Fertigung waren für mich gelebte Praxis, lange bevor ich an einer Uni einen Grundriss gezeichnet habe. Eine DvNLP‑Ausbildung hat meinen Blick auf Kommunikation und Lernen verändert – hilfreich, wenn man später Tutorien gibt, Teams führt oder mit Bauherrschaften spricht.

Der Weg an die Universität ging bei mir über die B‑Prüfung (10 Jahre Anlaufzeit) am BFI. Kein Matura‑Zeugnis, keine familiäre Uni‑Tradition, sondern: Deutsch, Mathe, Physik und Uni‑Fächer nachholen, um überhaupt studieren zu dürfen. 2016 habe ich dann mit Architektur begonnen – mit 33, also deutlich älter als viele Erstsemestrige, aber mit einem sehr klaren „Warum“.

Arbeiten im Studium: ohne Nebenjobs geht es nicht

Die ehrliche Antwort: Ohne Arbeit hätte ich das Studium nicht finanzieren können. Meine einzigen regelmäßigen Fixeingänge waren das Studierendenstipendium (anfangs ca. 350 Euro, später um 2021 etwa 480 Euro im Monat) und das, was ich mir mit Arbeit dazuverdient habe.

Ich habe unter anderem im Schichtdienst an Tankstellen gearbeitet und nebenbei an der Uni als Tutor etwa 10 Stunden pro Woche für rund 200 Euro im Monat verdient. Dazu kamen Nachhilfe in Tragwerkslehre sowie Tutorien und Workshops für Vectorworks und Rhino. Diese Jobs waren mehr als reine Geldquellen: Sie haben mich gezwungen, meine Zeit brutal gut zu organisieren, und sie haben meine Inhalte vertieft – wer Tragwerk oder Software anderen erklärt, lernt selbst auf einem anderen Level.

Aber du musst dir klar sein: Arbeiten neben einem Architekturstudium hat seinen Preis. Jede Schicht, jede Nachhilfestunde ist Zeit, in der du nicht im Studio, nicht im Modellbau und nicht beim Schlafen bist. Das Studium lässt sich so machen – aber es wird schnell deutlich härter und länger.

Wohnen in Innsbruck, Berlin & Co.: teuer, klein, oft grenzwertig

Ein großer, oft unterschätzter Faktor ist der Wohnraum. Innsbruck und Berlin sind, was Mieten angeht, im Kern auf ähnlichem Niveau: Wohnungen mit unter 25 Quadratmetern für um die 800–1.000 Euro im Monat sind keine Ausnahme. Wenn du ein Stipendium in der Höhe von 350–480 Euro bekommst und sonst nur deinen Nebenjob hast, merkst du schnell, wie eng das wird.

Ein paar Beispiele aus meinem eigenen Weg:

  • ca. 28 m² in der Haller Straße (Innsbruck) für rund 340 € im Jahr 2016 – günstig, aber entsprechend einfach (unrenoviert, kalt/heiß, laut).
  • ca. 38 m² in der Gutenbergstraße für 890 € im Monat, ohne Parkplatz, Garten oder Balkon – mitten in der Corona‑Zeit.
  • zeitweise ein ehemaliges Autohaus mit ca. 1.200 m² Gesamtfläche, davon etwa 300 m² als Wohn‑/Ausstellungsfläche für 1.300 € – mehr Improvisation als klassischer Wohnraum.
  • WG‑Zimmer in Berlin mit etwa 12 m² für 840 € im Monat, mit sehr strengen Regeln zur Nutzung von Bad, Küche und Heizung.
  • Kellerwohnung in Pontresina (CH) mit ca. 21 m² und später eine schlecht gedämmte Dachgeschosswohnung in Altstätten (CH) mit etwa 45 m², ohne Balkon, Garten oder Parkplatz, für ca. 950 € monatlich.

Wenn du diese Zahlen dem Stipendium gegenüberstellst, siehst du schnell: Wohnen ist kein Hintergrundthema, sondern eine permanente Belastung. Es beeinflusst, wie konzentriert du studieren kannst, wie viel du arbeiten musst – und ob du zwischendurch überhaupt mal runterkommst.

ECTS, Kursbuchung und Technik: warum das Studium oft länger dauert

Auf dem Papier klingt vieles strukturiert: ECTS‑Punkte, Module, klarer Studienplan. In der Praxis sieht das oft anders aus – vor allem in einem sehr überbuchten Fach wie Architektur und besonders, wenn du arbeiten musst.​

Ein paar Punkte, die du wissen solltest:

  • Kursplätze sind begrenzt. Wenn du bei einem Pflichtfach keinen Platz bekommst oder sich Termine mit Arbeit überschneiden, verschiebt sich dein Studium automatisch.
  • Viele Fächer sind stark aufwendige Projektkurse. Ein „Kurs mit 6 ECTS“ kann ganze Wochen in Anspruch nehmen – insbesondere mit Modellbau, 3D‑Druck, Renderings.
  • Wenn du wegen Arbeit oder unglücklicher Kursvergabe Fächer schieben musst, verlängert sich dein Studium sehr schnell um 4 bis 8 Semester. Das ist kein Ausnahmefall, sondern gerade bei arbeitenden Studierenden eher die Regel.

Dazu kommt der Technikdruck:

  • Ein leistungsfähiger Laptop ist Pflicht. Realistisch musst du alle 1–2 Jahre 1.500 bis 2.000 € investieren, damit Software und Renderings mitziehen.
  • 3D‑Drucke und Modelle können pro Fach schnell 200–300 € kosten.
  • Bücher, Plotkosten, Software, Exkursionen, Zusatzkurse summieren sich.

Wenn du die tatsächliche Studiendauer mit der Summe aus Miete, Technik, Modellen und entgangenem Einkommen vergleichst, verschiebt sich das Kosten‑Nutzen‑Verhältnis mit jedem zusätzlichen Semester weiter nach hinten. Das ist unangenehm, aber wichtig zu wissen, bevor du startest.

Studieren im Inntal: Absolventenschwemme und niedrige Einstiegsgehälter

Ein Punkt, über den wenig gesprochen wird: das Verhältnis von Absolventenzahl zu regionalem Arbeitsmarkt. Im Inntal werden grob geschätzt pro Jahr etwa 350 Bachelorabschlüsse und rund 30 Masterabschlüsse (Diplom‑Ingenieur:innen) in Architektur produziert – für eine Region dieser Größe ist das eine echte Schwemme.

Gleichzeitig sind die Einstiegsgehälter in vielen Architekturbüros in der Region bedenklich niedrig, vor allem, wenn du die Länge und Kosten des Studiums dagegenhältst. Viele arbeiten nach dem Studium für Gehälter, die im Vergleich zu anderen technischen oder akademischen Berufen in der Region deutlich zurückliegen. Das muss dich nicht abschrecken – aber du solltest es wissen. Wenn du Architektur studierst, tust du das nicht, weil dich jemand mit einem hohen Einstiegsgehalt „abholt“, sondern weil du das Fach wirklich willst und bereit bist, dir deinen eigenen Weg zu bauen: über Spezialisierungen (z.B. Holzbau, Membranbau, BIM, Nachhaltigkeit), über Auslandserfahrung, über eigene Projekte oder auch über Selbstständigkeit.​

Membranbau, Holzbau und „KubikmeterWohnen“: warum ich trotzdem dabeigeblieben bin

Warum bleibe ich trotz all dieser Hürden in diesem Beruf? Weil ich inhaltlich genau das gefunden habe, was mich wirklich interessiert. Membran‑ und Ultraleichtbau fasziniert mich, weil man mit minimalem Materialeinsatz erstaunliche Räume schaffen kann. Im nachhaltigen Holzbau erlebe ich jeden Tag, wie sich technische Intelligenz, ökologische Verantwortung und räumliche Qualität verbinden können.

In meiner Masterarbeit „KubikmeterWohnen“ beschäftige ich mich damit, wie wir Wohnraum und CO₂‑Abdruck umfassend reduzieren können, ohne Menschen in unwürdige Situationen zu drängen. Meine eigenen Wohn‑ und Studienerfahrungen in Innsbruck, Berlin und der Schweiz fließen direkt hinein: zu kleine, zu teure, schlecht gedämmte oder nur provisorisch bewohnbare Räume haben meinen Blick geschärft.

Ich will nicht nur „schöne Häuser“ entwerfen, sondern Antworten auf die Fragen suchen: Wie schaffen wir leistbaren, ressourcenschonenden und wirklich bewohnbaren Raum?

Was du aus meiner Geschichte mitnehmen kannst

Wenn du darüber nachdenkst, Architektur zu studieren, vielleicht ohne Matura, mit wenig Geld, vielleicht später im Leben, dann hier meine ehrlichen Learnings:

  • Ja, es geht auch ohne klassischen Schulweg – aber du musst bereit sein, für den Studienzugang und jedes Semester zu kämpfen.
  • Arbeit neben dem Studium ist machbar, verlängert das Studium aber schnell deutlich. Plane das ein, statt dich später dafür zu verurteilen.
  • Wohnkosten, Technik und Modellbau sind keine Nebensache, sondern bestimmen dein Studium massiv mit.
  • Die Zahl der Absolvent:innen ist hoch, die Einstiegsgehälter sind oft niedrig. Überlege dir früh, wo du dich spezialisieren willst und wie du dich von der Masse abheben kannst.
  • Wenn du das Fach wirklich willst, kann genau dein ungewöhnlicher Weg – Lehre, andere Berufe, Sprachen, Reisen – dein größter Vorteil sein.

Mein Ziel mit diesem Bericht ist nicht, dich zu entmutigen, sondern dir ein realistisches Bild zu geben. Architektur kann ein großartiges Feld sein – aber es ist kein gemütlicher Spaziergang. Wenn du bereit bist, durch dieses Gelände zu gehen, kann es allerdings ein sehr spannender, eigenständiger Weg werden.

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