
Veröffentlicht am 4.3.2026
Vom Facharbeiter zum Mitgestalter – Mein Weg in die Industrielle Kreislaufwirtschaft
In diesem Beitrag teile ich meine persönlichen Erfahrungen mit dem Studium Industrielle Kreislaufwirtschaft (ehemals Nachhaltige Produktion & Kreislaufwirtschaft) an der FH Wiener Neustadt: warum ich mich dafür entschieden habe, wie technisch es wirklich ist und wie der Studienalltag tatsächlich aussieht.
Warum ich dieses Studium begonnen habe
Als ich mich für das Studium „Nachhaltige Produktion & Kreislaufwirtschaft“, heute „Industrielle Kreislaufwirtschaft“, entschieden habe, war das keine spontane Idee nach der Schule. Ich hatte nach der Matura bereits eine Lehre in einem Industriebetrieb absolviert und schon ein paar Jahre als Facharbeiter in einem produzierenden Unternehmen gearbeitet. Spätestens mit Beginn des Ukraine-Kriegs wurden Themen wie Energiepreise, Ressourcenknappheit und Effizienz im Arbeitsalltag immer präsenter. Was vorher sehr weit hergeholt klang, wurde plötzlich ganz konkret und allgegenwärtig.
Ich hatte das Gefühl, diesen Entwicklungen nicht einfach nur hilflos ausgesetzt sein zu wollen. Wenn Energie und Ressourcen zunehmend über Wettbewerbsfähigkeit entscheiden, warum dann nicht selbst verstehen, wie Produktion nachhaltiger, effizienter und resilienter funktionieren kann. Also habe ich mich entschieden, mein Praxiswissen durch ein Studium zu vertiefen und mir Know-how anzueignen, welches ich langfristig sinnvoll in der Industrie einsetzen kann.
Aktuell studiere ich noch am Campus Wieselburg der Fachhochschule Wiener Neustadt. Ab dem Wintersemester 2026/27 startet der Studiengang unter dem neuen Namen „Industrielle Kreislaufwirtschaft“ am Campus 1 in Wiener Neustadt. Meine Erfahrungen beziehen sich daher auf die bisherige Struktur in Wieselburg. An den grundlegenden Inhalten des Studiengangs ändert sich jedoch nichts, es ist ein reiner Standortwechsel.
Wie technisch ist das Studium wirklich
Was mich anfangs überrascht hat, war der doch stark technische Fokus in den ersten beiden Semestern. Teilweise sitzt man in einer Vorlesung und denkt sich, ob man nicht doch in einem klassischen Ingenieurstudium gelandet ist. Der Einstieg ist fundiert und fordert einen durchaus.
Mit der Zeit wird jedoch klar, dass diese Grundlagen Werkzeuge sind. Niemand soll hier zum reinen Vollbluttechniker ausgebildet werden. Das technische Verständnis hilft, Prozesse einordnen zu können und Zusammenhänge wirklich zu begreifen. Aber im weiteren Studienverlauf verschiebt sich der Fokus immer deutlicher zum eigentlichen Kern.
Sobald Fächer mit Umweltbezug, Prozessoptimierung oder Kreislaufstrategien im Mittelpunkt stehen, geht es weniger um Formeln und Berechnungen, sondern mehr um systemisches Denken.
Man wird zu abstrakten Sichtweisen angeregt, um kreative Lösungen für komplexe industrielle Probleme zu entwickeln. Nicht wie ein Künstler mit Farbe und Leinwand, sondern wie ein Ingenieur, der die Welt von morgen für seine Nachkommen zumindest im selben, wenn nicht in einem besseren Zustand erhalten möchte.
Studienalltag zwischen Diskussion, Praxis und Präsentationen
Ein großer Vorteil ist es, wenn man bereits Praxiserfahrung aus einem Industriebetrieb mitbringt. Theorie wirkt deutlich greifbarer, wenn man Produktionshallen und reale Abläufe nicht nur aus Erzählungen kennt. Gleichzeitig ist das Studium so aufgebaut, dass auch Personen ohne diesen Hintergrund gut mitkommen können, solange Interesse und Einsatzbereitschaft vorhanden sind.
Typisch für unseren Studiengang sind viele Diskussionen und ein sehr offener Austausch mit den Vortragenden. Ein professionelles Du ist meist selbstverständlich und es ist ausdrücklich erwünscht, Dinge zu hinterfragen. Man wird nicht von oben herab behandelt. Wenn man Engagement zeigt, wird das wahrgenommen.
Auch der Praxisbezug ist klar spürbar. Vorlesungen sind häufig mit Seminaren gekoppelt, sodass Theorie direkt angewendet wird. In einem Planspiel zur Produktionsplanung haben wir beispielsweise in Gruppen eine Autoproduktion organisiert, mit mehr oder weniger großem Erfolg. In anderen Lehrveranstaltungen ging es um die Auslegung einer ganzen Fabrik samt Arbeitsplätzen. Präsentationen und Seminararbeiten gehören zum Alltag und fordern einen immer wieder, die eigenen Gedanken klar zu strukturieren und zu vertreten.
Organisatorisches
Für meinen Jahrgang (ich studiere derzeit im 4. Semester) gilt noch das alte System mit geblockten Vorlesungen von Montag bis Mittwoch. Donnerstag und Freitag haben wir frei, um bereits neben dem Studium Erfahrungen in für uns relevanten Feldern wie Produktion, Energie- und Umweltmanagement oder auch im Recyclingumfeld sammeln zu können.
Ab Herbst (also WS 2026/27) sieht die Struktur so aus, dass Vorlesungen grundsätzlich Montag und Dienstag ganztägig sowie Mittwoch abends stattfinden werden. Vereinzelt können auch Samstage hinzukommen, uns wurde jedoch kommuniziert, dass dieser Anteil so gering wie nötig gehalten werden soll.
Anwesenheitspflicht besteht, anders als an anderen Studiengängen in Fachhochschulen, prinzipiell nur in Seminaren und Übungen. Also in allen Fächern, bei denen die Notenvergabe „immanent“ (durch Präsentationen, Seminar- oder Projektarbeiten, …) und nicht „abschließend“ (mit einer schriftlichen oder mündlichen Prüfung) erfolgt.
Es empfiehlt sich jedoch dennoch, die Vorlesungen so häufig wie möglich zu besuchen, da es natürlich etwas anderes ist, mit den Vortragenden (welche sehr häufig aus der Privatwirtschaft kommen) und den Mitstudierenden in Person zu diskutieren, als sich einfach alleine zuhause am Schreibtisch Foliensätze einzuverleiben.
Für wen ist das Studium geeignet
Meiner Meinung nach ist dieses Studium ideal für alle, die Technik und Nachhaltigkeit verbinden möchten. Für Menschen, die Industrie nicht nur kritisieren, sondern aktiv weiterentwickeln wollen. Wer bereit ist, sich mit technischen Grundlagen auseinanderzusetzen, gerne in Zusammenhängen denkt und keine Scheu vor Diskussionen oder Präsentationen hat, wird hier gut aufgehoben sein.
Vielleicht ist es weniger passend für Personen, die sich unter Nachhaltigkeit hauptsächlich politische oder rein ökologische Inhalte vorstellen. Der Fokus liegt klar auf industriellen Prozessen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Es geht darum, innerhalb bestehender Systeme Lösungen zu entwickeln und diese Schritt für Schritt zu verbessern.
Würde ich mich wieder dafür entscheiden
Kurz gesagt: Ja.
Nicht, weil jede Lehrveranstaltung perfekt ist oder alles reibungslos verläuft. Sondern weil ich das Gefühl habe, an einem Thema zu arbeiten, das in den kommenden Jahrzehnten entscheidend sein wird. Ich habe gelernt, Produktionssysteme nicht nur unter dem Aspekt von Effizienz und Kosten zu betrachten, sondern im größeren Zusammenhang von Ressourcen, Energie und langfristiger Verantwortung.
Auch wenn man sich eventuell vor Präsentationen und Diskussionen fürchtet, ist es durchaus einen Versuch wert, im Zuge des Studiums über seinen eigenen Schatten zu springen und an diesen Herausforderungen zu wachsen. Man kommt in diese Rolle wirklich deutlich schneller hinein, als man sich vorstellen kann.
Für mich war dieses Studium der Schritt vom Betroffenen zum Mitgestalter. Und genau das macht für mich den Unterschied.
